Kreisleiter und Kriegsverbrecher:
Richard Drauz (1894-1946)

Richard Drauz gilt als brutalster und skrupellosester Vertreter des Naziregimes in Heilbronn. Er wurde 1946 hingerichtet.

Drauz wurde am 2. April 1894 als Kind kleiner Leute in Heilbronn geboren - der Vater war Postunterbeamter, beide Eltern entstammten alten Heilbronner Wengerterfamilien. Drauz meldete sich 1914 als Kriegsfreiwilliger, wurde nach dem Ersten Weltkrieg Ingenieur und war schon 1923 im Umfeld der Hitlerbewegung aktiv. Aus dieser Zeit stammte seine enge Beziehung zu Wilhelm Murr, Gauleiter der NSDAP und ab 1933 Reichsstatthalter in Württemberg.

Mit dessen Unterstützung kehrte er 1932 als NSDAP-Kreisleiter und hauptamtlicher Verlagsleiter des Heilbronner Tagblatts nach Heilbronn zurück. Drauz trieb die Ereignisse während der Machtergreifung energisch voran und war bald für sein gewalttätiges Vorgehen berüchtigt. Er blieb deshalb nicht ohne Gegner innerhalb der NSDAP, die ihm auch sittliche Verfehlungen vorwarfen.

Drauz war der starke Mann der NSDAP in Heilbronn und Umgebung. Er wurde 1945 verhaftet und durch ein amerikanisches Militärgericht wegen der Erschießung eines abgestürzten amerikanischen Piloten zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am Jahrestag der Zerstörung Heilbronns - am 4. Dezember 1946 - vollstreckt.

Eidesstattliche Erklärung der NSDAP-Mitglieder Paul Reppmann und Kurt Heermann, 1. Juni 1934

"Im September 1933, nach der Heilbronner Herbstfeier schickte Kreisleiter Drauz seine Frau nach Hause und verweilte in größerer Frauengesellschaft auf der Herbstwiese. Er kam morgens gegen 5 Uhr restlos betrunken nach Hause.
Seine Frau machte ihm dieserhalb Vorbehalte und sagte: 'Du bist der richtige Nationalsozialist, der seine Frau nach Hause schickt und sich mit anderen Mädchen auf dem Herbst herumtreibt.'"

(Stadtarchiv Heilbronn)

Carl Koch, St. Gallen, Brief vom 10. Juni 1934

"Man musste nicht gerade besonderer Menschenkenner sein um zu spüren dass aus diesem Manne der Alkohol, der Heilbronner Wein sprach und dieser Mann nicht seiner Sinne mächtig war."

(Stadtarchiv Heilbronn)

Anonymer Brief an Rudolf Hess, Juli 1934
[Über den Besuch des SA-Stabschef Ernst Röhm in Heilbronn]

"Dann fand eine grosse S.A.Parade statt, Eintragung ins goldene Buch der Stadt, Ehrentrunk, Abfahrt mit den Autos.

Kreisleiter Drautz, Oberbürgermeister Gültig, Brigadeführer Dierlewanger und Genossen blieben im Ratskeller wo die Stimmung wuchs, die schliesslich mit einer allgemeinen Küsserei und Knutscherei der B.D.M. Mädchen ausklang. Das Kreischen und Jauchzen bei besonderen Griffen hörte man auf dem Markt."

(Stadtarchiv Heilbronn)

Tagebuch von Emil Beutinger, Oktober 1939

"Vor etwa 2 Monaten stand in der Zeitung etwa folgendes als amtl. Verkündigung: 'Durch meine Entschliessung habe ich die Bruckmannstrasse in Danzigerstrasse umbenannt.
Oberbürgermeister Gültig'
[...] Nach einer umlaufenden Darstellung soll die Sache auf den Kreisleiter Drauz zurückzuführen sein. Er hat das Anwesen des Juden Josef Kahn, ein grösseres Einfamilienhaus in der Bruckmannstrasse, erworben - von der Stadt - und könne nun doch bei seinem grossen Postanfall nicht dauernd lesen: Bruckmannstrasse No. und an den Demokraten Peter Bruckmann erinnert werden."

(Stadtarchiv Heilbronn)

Tagebuch von Emil Beutinger, 5. April 1941

"In der Stadt erzählt man: Der Kreisleiter Drauz habe sich auch von seiner jungen 2.ten Frau scheiden lassen wollen, um eine Schauspielerin zu heiraten - aber man habe ihm an den oberen Parteistellen ganz gründlich abgewunken.

Ja das sind doch recht würdige Vertreter von Partei und Staat. Und wir in Heilbronn haben noch den Ausbund unter den Kreisleitern erwischt, so dass wir in Heilbronn geradezu bekannt sind für die unguten Verhältnisse u. nicht nur in unserem Württemberg sondern in ganz Deutschland - etwa so wie man den kleinen Kindern - den schwarzen Mann zeigt."

Ludwigsburger Kreiszeitung, 1. April 1944

"Hart gegen sich selbst, allen Halbheiten abhold, unbestechlich in seinem Urteil, dabei voll ausgeprägten Verständnisses für die Sorgen und Nöte der seiner Führung anvertrauten Menschen."


Susanne Schlösser: Die Heilbronner NSDAP und ihre "Führer". In: heilbronnica 2, 2003, S. 313 f.

"Richard Drauz folgte bis zum bitteren Ende offenbar auch noch den absurdesten Befehlen seines 'Führers' und scheute sich nicht - nach allem bereits durch ihn begangenen Unrecht -, auch noch die Verantwortung für Schwerverbrechen auf sich laden. [...]

Je mehr sich abzeichnete, dass der 'Kampf um Heilbronn' verloren gehen würde, desto willkürlicher wurden die Handlungen von Richard Drauz. Sie hinterlassen einen Eindruck vom sinnlosen Wüten eines Menschen, der nichts mehr zu verlieren hat, aber bis zum letzten Augenblick mit Gewalt versucht, seinen bisherigen Machtanspruch zu behaupten, und sie scheinen auch nicht ganz frei von persönlichen Aversionen gewesen zu sein. So ließ er am 3. April 1945 den stellvertretenden Ortsgruppenleiter von Sontheim, Karl Taubenberger, erschießen, weil dieser nicht verhindert hatte, dass eine Panzersperre abgebaut wurde.

Am 6. April 1945 löste Drauz die Heilbronner Geschäftsstelle der Kreisleitung auf, ließ Akten und die Parteifahne verbrennen und machte sich mit zwei zusammengekoppelten Fahrzeugen und einer größeren Begleitmannschaft auf den Weg, die Stadt zu verlassen. In der Schweinsbergstraße, durch die wenige Stunden vorher einige abrückende Wehrmachtssoldaten gekommen waren und den Anwohnern auf deren Nachfrage hin geraten hatten, weiße Tücher herauszuhängen, da gegen die Übermacht der Amerikaner nichts mehr auszurichten sei, waren nun, als der Kreisleiter mit seinem Tross vorbeikam, fünf oder sechs Häuser auf diese Weise 'beflaggt'. Drauz ließ anhalten und gab - ohne eine weitere Untersuchung der Umstände - mehrfach den Befehl 'Raus, erschießen, alles erschießen!' Drei seiner Begleiter kamen diesem Befehl nach, stürmten nacheinander die verschiedenen Häuser und schossen wahllos auf die Personen, welche die Türen öffneten. Vier Menschen fielen dieser unsinnigen Bluttat zum Opfer, weitere vier entrannen ihr nur dadurch knapp, dass sie sich tot stellten."

Richard Drauz, Anhang B zum letzten Bericht über das Verhör von Richard Drauz, 1. August 1945

"Ich wurde von meinen Eltern treu und ehrlich erzogen, was während meines ganzen Lebens keine nachteiligen Wirkungen hatte. Seit meinem Eintritt in die NSDAP gehörte ich Hitler und Deutschland mit Leib und Seele an."

Letzter Vernehmungsbericht vom 1. August 1945 (evt. durch Helmuth W. Frey, Deckname "Rick")

"Drauz war als einer der fanatischsten Nazis Süddeutschlands bekannt."

Heilbronner Stimme, 7. Dezember 1946

"Er war ein besonders übles Exemplar der nationalsozialistischen Bewegung."

Zeitzeugengespräch mit Cläre Drauz, 1985

"Also was Unrechtes oder irgendwie Krummes, hat er nicht getan und auch nicht gedacht."

Susanne Schlösser: Die Heilbronner NSDAP und ihre "Führer". In: heilbronnica 2, 2003, S. 317

"Bis heute steht der ehemalige Heilbronner NSDAP-Kreisleiter in einem überaus schlechten Ruf. Kommt das Gespräch auf ihn, ist bei Zeitzeugen von Brutalität, Rücksichts- und Skrupellosigkeit die Rede, und von Angstgefühlen, vermischt mit Verachtung, die man ihm gegenüber empfunden habe. [...]

Zwar ist klar, dass Drauz einer der Hauptverantwortlichen für die Heilbronner Geschehnisse dieser Zeit war, und dass er seinen schlechten Ruf in vieler Hinsicht auch verdient. Doch hätte auch Kreisleiter Drauz, bei aller Willkür, die ihm eigen war, sowie bei aller Unterstützung aus Stuttgart, nicht so viel erreichen können, wenn es nicht auch in Heilbronn Parteigänger und Mitläufer gegeben hätte, die ihn aus Überzeugung oder anderen Gründen unterstützten oder mit ihm paktierten. [...]

Da aber fast nur Drauz als 'der Heilbronner Nationalsozialist' in Erinnerung geblieben ist, drängt sich der Gedanke auf, ob in ihm nicht der gesuchte und durch seine Hinrichtung bereits abgeurteilte 'Sündenbock' für alle Verbrechen des Dritten Reiches in Heilbronn gefunden wurde, der die anderen von einer Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen am Funktionieren des NS-Systems entlasten konnte."